Vom Mut eine Probe zu wagen

VOM MUT EINE PROBE ZU WAGEN… eine ermutigende GESCHICHTE, auf die eigenen Kräfte zu vertrauen und sich einzusetzen.

Ein König stellte für einen wichtigen Posten den Hofstaat auf die Probe. Kräftige und weise Männer umstanden ihn in großer Menge.
„Ihr weisen Männer“, sprach der König, „ich habe ein Problem, und ich möchte sehen, wer von Euch in der Lage ist, dieses Problem zu lösen.“ Er führte die Anwesenden zu einem riesengroßen Türschloss, so groß, wie es keiner je gesehen hatte.


Der König erklärte: „Hier seht Ihr das größte und schwerste Schloss, das es in meinem Reich je gab. Wer von Euch ist in der Lage, das Schloss zu öffnen?“

Ein Teil der Höflinge schüttelte nur verneinend den Kopf. Einige, die zu den Weisen zählten, schauten sich das Schloss näher an, gaben aber an, sie könnten es nicht schaffen. Als die Weisen das gesagt hatten, war sich auch der Rest des Hofstaates einig, dieses Problem sei zu schwer, als dass sie es lösen könnten.

Nur ein Wesir ging an das Schloss heran. Er untersuchte es mit Blicken und Fingern, versuchte, es auf die verschiedensten Weisen zu bewegen und zog schließlich mit einem Ruck daran. Und siehe, das Schloss öffnete sich.

Das Schloss war nur angelehnt gewesen, und es bedurfte nichts weiter als des Mutes und der Bereitschaft, dies zu begreifen und beherzt zu handeln.

Der König sprach: „Du wirst die Stelle am Hof erhalten, denn Du verlässt Dich nicht nur auf das, was Du siehst oder was Du hörst, sondern setzt selber Deine Kräfte ein und wagst eine Probe.“

Aus dem Orient

Der kleine Zirkuselefant

DER KLEINE ZIRKUSELEFANT
– eine Geschichte aus der Komfortzone -In einem Wanderzirkus kam ein Elefantenbaby zur Welt. Niemand im Zirkus hatte Zeit, sich ständig um dieses Elefantenbaby zu kümmern und aufzupassen, dass es nicht fortläuft. Deshalb machte der Wärter das, was er in solchen Situationen schon immer gemacht hatte. Er rammte einen Pflock in die Erde, band ein Seil daran fest und befestigte das andere Ende des Seils am Hinterbein des Tieres und gab ihm auf diese Art und Weise einen eingeschränkten Bewegungsfreiraum, während er gleichzeitig verhinderte, dass das Elefantenbaby weglief.


Der Elefant begann nun sein Terrain zu sondieren und eroberte seine neue Welt, indem er in alle Himmelsrichtungen so weit ging, wie das Seil es zuließ. Auf diese Weise entstand ein runder, durch die Länge des Seils vorgegebener Kreis.

Nach einer Weile hatte unser kleiner Elefant alles entdeckt, was es innerhalb des Kreises zu entdecken gab. Er machte die Erfahrung, dass es ihm hier gut ging und jeder Versuch den Kreis zu verlassen schmerzhaft war, da das Seil an seinem Bein zerrte. Er beschränkte sich also auf sein Reich, in dem er sich gut auskannte und dessen Grenze bald durch einen festgetretenen Kreis gekennzeichnet war.

Nun ging die Zeit ins Land und unser Elefant wurde größer und kräftiger. Irgendwann hätte er den Pflock mühelos aus der Erde ziehen können, doch in der Zwischenzeit war etwas geschehen: Der Elefant hatte „gelernt“. Er hatte gelernt, dass es keinen Sinn macht an diesem Pflock zu ziehen, dass der Versuch seinen Kreis zu verlassen schmerzhaft war.

Er richtete sich in seiner Komfortzone behaglich ein und die Welt „da draußen“ erschien für ihn nicht mehr erreichbar.

nach Jorge Bucay

Vom Mönch und dem Brunnen

VOM MÖNCH UND DEM BRUNNEN
– Geschichte über die Stille und den Blick hinter die Dinge –

Eines Tages kamen einige Menschen zu einem einsamen Mönch.
Sie fragten ihn: „Was für einen Sinn siehst du in deinem Leben der Stille und der Meditation?“

Der Mönch war mit dem Schöpfen von Wasser aus einem tiefen Brunnen beschäftigt. Er sprach zu seinen Besuchern:„Schaut in den Brunnen. Was seht ihr?“ Die Leute blickten in den tiefen Brunnen: „Wir sehen nichts!“

Nach einer Weile forderte der Mönch die Leute erneut auf:
„Schaut in den Brunnen! Was seht ihr jetzt?“ Die Leute blickten wieder hinunter: „Ja, jetzt sehen wir uns selber!“

Da sprach der Mönch:
„Nun, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation: Man sieht sich selber! Und nun wartet noch eine Weile.“

Nach einer Weile sagte der Mönch erneut: „Schaut jetzt in den Brunnen. Was seht ihr?“ Die Menschen schauten hinunter: „Nun sehen wir die Steine auf dem Grund des Brunnens.“

Da erklärte der Mönch: „Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation. Wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge.“
Autor unbekannt

herzlich Trudy Henn

Geschichte vom KLEINEN BAUMWOLLFADEN

Die Geschichte vom KLEINEN BAUMWOLLFADEN

Es war einmal ein kleiner Baumwollfaden, der hatte Angst, dass er nicht ausreichte, so, wie er war: „Für ein Schiffstau bin ich viel zu schwach“, sagte er sich, „und für einen Pullover zu kurz. An andere anzuknüpfen, dazu habe ich viel zu viele Hemmungen. Für eine Stickerei eigne ich mich auch nicht, dazu bin ich zu blass und farblos.


Ja, wenn ich ein Goldfaden wäre, da könnte ich eine Stola verzieren oder ein Kleid. Aber so?! Es reicht eben nicht! Zu nichts bin ich nütze. Ich bin ein Versager. Niemand braucht mich. Niemand mag mich – und ich mich selbst am wenigsten.“


So sprach der kleine Baumwollfaden zu sich selbst, legte eine traurige Musik auf und fühlte sich ganz niedergeschlagen in seinem Selbstmitleid.


Währenddessen lief draußen in der kalten Nacht ein Klümpchen Wachs in der beängstigenden Dunkelheit verzweifelt umher. „Für eine dicke Weihnachtskerze bin ich viel zu klein“ jammerte es „und wärmen kann ich kleines Ding alleine auch niemanden. Um Schmuck für eine tolle große Kerze zu sein, bin ich zu langweilig. Ach was soll ich denn nur tun, so alleine in der Dunkelheit?“


Da kam das kleine Klümpchen Wachs am Häuschen des Baumwollfadens vorbei! Und da es so sehr fror und seine Angst so riesig war, klopfte es schüchtern an die Türe.
Als es den niedergeschlagenen kleinen Baumwollfaden sah, kam ihm ein wunderschöner Gedanke und es sagte eifrig: „Lass dich doch nicht so hängen, kleiner Baumwollfaden. Ich weiß was. Wir beide tun uns zusammen. Für eine große Weihnachtskerze bist du zwar als Docht zu kurz und ich hab‘ dafür nicht genug Wachs, aber für ein Teelicht reicht es allemal.

Es ist doch viel besser, ein kleines Licht anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu schimpfen!“
Verfasser unbekannt

…und was ist erst, wenn viele kleine Lichter angezündet werden:-)

Ich wünsche Dir eine besinnliche leuchtende Zeit. Herzlich Trudy Henn

Die Macht und die Liebe

 

Die Macht und die LiebeAm Anfang der Zeit war es so: Die Macht und die Liebe wurden als Zwillinge geboren. Ihre Mutter war die Weisheit, ihr Vater der Mut. Die Geschwister wuchsen glücklich miteinander auf, und ihre Eltern hatten Freude an ihnen.
Sie waren unzertrennlich und überall, wo sie hinkamen, schenkten sie Leben in Fülle. Sie überraschten die Menschen in ihren Häusern oder auf ihren Straßen und hinterließen glückliche Gesichter. Sie stifteten Frieden zwischen den Parteien und Völkern, sie verteilten die Güter dieser Welt gerecht, sie machten die Armen reich und die Reichen glücklicher. Die Macht und die Liebe waren ein Herz und eine Seele, und wo sie in den Häusern der Menschen Platz fanden, da änderte sich alles zum Guten. So wanderten die Macht und die Liebe gemeinsam durch die ganze Welt.

 

 Eines Tages begegneten sie auf ihrem Weg dem Neid. Der Neid hatte sich fein herausgeputzt und sah recht stattlich aus. Sein Gewand glitzerte in der Sonne, und sein Geschmeide funkelte nur so im Licht.  „Ich sehe dich stets im Schatten der Liebe“, sagte der Neid zur Macht. „So kannst du nie etwas werden. Geh mit mir! Da wirst du größer und stärker. Du wirst sehen: Die Menschen werden Dir die Hände und Füße küssen, sie werden Dir schmeicheln und Dir Opfer darbringen, sie werden Dir ihre Seele verkaufen, nur um Dich zu besitzen.“ Die Macht war wie geblendet. Sie dachte eine Weile nach. Dann sagte sie zur Liebe: „Der Neid hat recht. Laß uns uns für eine Zeit lang selbständig entwickeln. Keine ist mehr von der anderen abhängig, keine braucht mehr auf die andere Rücksicht nehmen. Ich werde derweil beim Neid in die Lehre gehen. Vielleicht treffen wir uns später einmal wieder.“

 

Ehe die Liebe antworten konnte, waren die Macht und der Neid schon hinter der nächsten Ecke verschwunden. Die Liebe sah noch, wie der Neid der Macht den Vortritt ließ.  Ohnmächtig stand nun die Liebe am Wegrand und weinte.
Sie erlebte sich schwach und kraftlos ohne die Macht. Sie spürte, wie sie allein nicht leben konnte. Wie ein Schatten legte sich die Angst auf sie, die Angst sich zu verirren, zu verletzen und nicht verstanden zu werden. Die Macht fühlte sich unterdessen frei und ungebunden. Der Neid störte sie nicht, weil er immer einen Schritt zurückblieb und ihr den Vortritt ließ.

 

Die Macht merkte, wie sie größer und größer wurde. Aber mit der Größe wuchs auch ihre Kälte. Es gefiel ihr, wenn sich Menschen vor ihr verkrochen oder ihr alles opferten, um sich mit ihr zu verbinden. Sie bestieg einen großen Thron und ließ sich über die Köpfe der Menschen tragen. Sie genoß es, umjubelt zu werden. Die Macht hatte die Liebe bald vergessen. Sie umgab sich mit Waffen und Soldaten. Sie raubte den Armen den Frieden und vertrieb sie aus ihrer Heimat. Nur wer ihr die Seele verkaufte, durfte sich in ihrer Nähe aufhalten und sicher fühlen. Hinter ihr aber folgte stets der Neid.

 

In der Welt wurde nun alles anders. Die Kriege unter den Menschen nahmen an Heftigkeit zu. Die Liebe war zu ohnmächtig um sie zu verhindern. Viele erkannten sie auch nicht wieder und verwechselten sie mit dem Egoismus oder mit der Schwäche. Sie hatte nicht mehr die Kraft, das Böse in die Schranken zu verweisen. Habgier und Gleichgültigkeit wuchsen. Die Natur wurde ausgeplündert und zertreten. Es wurde dunkler und kälter in der Welt. Menschen und Tiere begannen zu frieren. Sie wurden krank und starben einsam dahin.

 

Da beschloß die Liebe, die Macht zu suchen, und sie machte sich auf, auch wenn der Weg sehr weit war. Eines Tages begegneten sie sich auf einer Kreuzung. Die Macht kam groß und gewaltig daher. Vor ihr und hinter ihr waren Wächter, bis unter die Zähne bewaffnet, die sie beschützen mußten. Die Macht sah dunkel aus. Sie war eingehüllt in einen dicken, schwarzen Mantel. Ihr Gesicht war kaum noch zu sehen. Der Mantel aber war über und über mit Orden behaftet. Rechts und links trug man ihrer Titel, damit die Menschen vor ihr in die Knie gingen.

 

Die Liebe nahm ihren ganzen Mut und ihre Weisheit zusammen, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, und stellte sich der Macht in den Weg. „Du siehst unglücklich aus“, sagte die Liebe und blickte der Macht gerade ins Gesicht. „Früher hast Du gestrahlt und warst schön.“ „Geh mir aus dem Weg“, sagte die Macht, ich kenne dich nicht“. „Erinnerst Du Dich nicht“, sagte die Liebe, „wie wir miteinander durch die Welt zogen. Du trugst ein leichtes Kleid, Du konntest tanzen und springen, Du liefst mit mir zu den Menschen, und sie alle nahmen uns mit offenen Armen auf. Wir konnten Frieden stiften, und alle hatten alles gemeinsam. Du warst mit mir mächtig ohne Waffen. Du brauchtest Dich nicht zu schützen, und hinter Dir zog nicht der Neid. Laß uns weiter miteinander ziehen. Schick sie alle weg, die Dich jetzt umgeben und fernhalten von den Menschen und von mir. Auch ich brauche Dich, denn ohne dich bin ich schwach und ohnmächtig. Ohne Dich glauben mir die Menschen nicht. Sie lachen mich aus, verletzen und mißbrauchen mich.“

 

Während die Liebe diese und andere Worte sprach, wurde der Macht immer wärmer und weil auch die Macht ein Kind der Weisheit und des Mutes war, taute sie langsam auf und wurde kleiner und kleiner, bis sie wieder so groß war wie die Liebe. Da glitt der Mantel von ihrer Schulter, und die Orden zersprangen am Boden. Die Wächter fielen um, und die Titel flogen im Wind davon. Ehe sich die Liebe und Macht versahen, standen sie sich allein gegenüber. Da lachten sie einander zu und fielen sich in die Arme. Der Neid, der die Macht begleitet hatte, war gewichen, und von der Liebe war der Schatten der Angst geflohen.

Seither gehen sie wieder miteinander, die Liebe und die Macht. Und sie sind stark geworden, die beiden. Und wenn Du sie triffst, dann halte sie fest und warte, bis ich komme, damit ich mit euch ziehen kann.

nach Wilhelm Bruners, Pfarrer, ca. 1940