Neue Wege gehen

Neue Wege gehen

Neue Wege gehen – eine Ermutigung aus Erfahrungen zu lernen

Leitfaden in 5 Szenen von Nosrat Peseschkian

1. Szene:
Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren… Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2. Szene:
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder
am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es lange, herauszukommen.

3. Szene:
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es..
Ich falle immer noch hinein… aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4. Szene:
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe drum herum.

5. Szene:
Ich gehe eine andere Straße.

Bildquelle: pixabay CC0
Textquelle: überliefert nach Nosrat  Peseschkian – Buchtitel unbekannt

Großer Aufruhr im Wald

Großer Aufruhr im Wald – Eine Geschichte über die Wirkung einer einfachen Bitte

Im Wald herrschte großer Aufruhr, denn es ging das Gerücht um, der Bär habe eine Todesliste. Alle Tiere des Waldes fragten sich ängstlich, wer denn nun auf dieser Liste stehe.

Als erster nahm der Hirsch all seinen Mut zusammen. Er ging zum Bären und fragte ihn:
„Sag mal Bär, stehe ich auch auf deiner Liste?“
„Ja“ sagte der Bär „auch dein Name steht auf der Liste.“
Voller Angst drehte sich der Hirsch um und zog von dannen. Und wirklich, nach 2 Tagen wurde der Hirsch tot aufgefunden.

Die Angst bei den Waldbewohnern stieg immer mehr und die Gerüchteküche um die Frage, wer denn nun auf der Liste stehe, brodelte.

Der Keiler war der erste, dem der Geduldsfaden riss. Und auch er suchte den Bären auf um zu erfahren, ob er auf der Liste stehe.
„Ja“ antwortete der Bär „auch du stehst auf der Liste“.
Verängstigt verabschiedete sich der Keiler vom Bären. Und auch ihn fand man nach 2 Tagen tot auf.

Nun brach Panik bei den Waldbewohnern aus. Nur der Hase traute sich noch, den Bären aufzusuchen.

„Bär, steh ich auch auf der Liste?“
„Ja, auch du stehst auf der Liste“
„Kannst du mich da streichen?“
„Ja klar, kein Problem“ ….

Quelle: unbekannt
Bildquelle: pixabay CC0

Was ist das Leben

Was ist das Leben – Eine Geschichte, über das Wunder des Lebens und die Fülle

An einem schönen Sommertag war um die Mittagszeit eine Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten ihre Köpfe unter die Flügel. Alles ruhte. Da steckte plötzlich der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte:

Was ist das Leben?

Alle waren betroffen über diese schwere Frage.

Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere heraus. Sie sprach:

Das Leben ist eine Entwicklung.

Weniger tief veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte hier und dort und sagte:

Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein.

Drunten am Boden schleppte sich eine Ameise mit einem Strohhalm, der zehnmal länger als sie selbst war, ab und klagte:

Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit.

Geschäftig kam eine Biene von einer nektarhaltigen Blüte zurück und meinte dazu:

Das Leben ist ein Wechsel von Arbeit und Vergnügen.

Wo so weise Reden geführt wurden, steckte auch der Maulwurf seinen Kopf aus der Erde und wusste:

Das Leben ist ein Kampf in Dunkel.

Die Elster, die selbst nichts weiß, und nur vom Spott der anderen lebt, tat ebenfalls ihre Meinung kund: Was ihr für weise Reden führt! Man sollte wunders meinen, was ihr für gescheite Leute seid!

Es hätte nun fast einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der sprach:

Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen.
Dann zog er weiter zum Meer.

Dort brandeten die Wogen und warfen sich mit Gewalt gegen die Felsen, kletterten daran in die Höhe, warfen sich mit gebrochener Kraft wieder ins Meer zurück und stöhnten:

Das Leben ist ein stetes, vergebliches Ringen nach Freiheit.

Hoch über dem Wald zog ein Adler majestätisch seine Kreise, er frohlockte:

Alles Leben ist ein Streben nach oben.

Nicht weit davon stand eine Weide, die hatte der Sturm schon zur Seite geneigt. Sie ächzte:

Das Leben ist ein Sich-Neigen unter einer höheren Macht.

Dann brach die Nacht herein …

Im lautlosen Flug glitt ein Uhu durch das Geäst des Waldes und rief:

Das Leben heißt, die Gelegenheit nutzen, wenn die anderen schlafen.

Schließlich wurde es still im Wald.

Nach einer Weile ging ein Mann durch die menschenleeren Wege nach Hause. Er kam von einer Lustbarkeit und sagte so vor sich hin:

Das Leben ist ein ständiges Suchen nach Glück und Erfolg sowie eine Kette von Enttäuschungen.

Da flammte auf einmal die Morgenröte in ihrer vollen Pracht auf und sprach:

Wie ich, die Morgenröte, der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit.

Quelle: Schwedisches Waldmärchen
Bildquelle: pixabay CC0

Das schönste Herz

Das schönste Herz

Das schönste Herz – Eine Geschichte über das Geben und die Liebe

Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.

Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: „Nun, dein Herz ist nicht annähernd so schön, wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an.

Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken…Genau gesagt, waren an einigen Stellen tiefe Furchen, in denen ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an und dachten: Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner?

Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: „Du musst scherzen“, sagte er, „dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“

„Ja“, sagte der alte Mann, „deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau passen, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten.

Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“

Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen.

Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.

Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen fort, Seite an Seite.

Quelle: unbekannt
Bildquelle: pixabay CC0

Vater, Sohn und Esel

Vater, Sohn und Esel – Eine Geschichte von der Schwierigkeit, es allen recht zu machen

In der Mittagshitze einer orientalischen Stadt ritt der alte Vater auf seinem Esel. Sein kleiner Sohn lief neben dem Esel her.

Da empörte sich ein Vorübergehender:  „Schaut euch das an. Der Alte lässt seinen kleinen Jungen neben dem Esel herlaufen. Der Kleine kann mit seinen kurzen Beinchen doch gar nicht mit dem Tempo mithalten.“

Der Vater bekam ein schlechtes Gewissen, stieg ab und setzte seinen kleinen Sohn auf den Esel.

Kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, empörte sich der Nächste:  „Nun schaut euch diese Beiden an. Der Sohn sitzt wie ein Pascha auf dem Esel und der alte Mann muss laufen“.

Nun setzte sich der Vater zu seinem Sohn auf den Esel und sie ritten weiter.

Bereits nach kurzer Zeit entrüstete sich erneut ein Passant.  „Jetzt schaut euch doch mal diese Beiden an. Sitzen zu zweit auf dem armen Esel. So eine Tierquälerei.“

Also stiegen sie beide ab und liefen neben dem Esel her. Doch sogleich sagt ein anderer belustigt: „Nun schaut Euch diese beiden Tölpel an. Wozu haben sie einen Esel dabei, wenn sie ihn nicht nutzen?“

Der Vater schob dem Esel eine Handvoll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Gleichgültig was wir machen“, sagte er, „ es findet sich doch immer jemand, der nicht einverstanden ist und es besser weiß. Ich glaube, wir müssen selbst wissen und tun, was wir für richtig halten.“

Orientalische Geschichte
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